Anna Atkins

Der Anlass

Über einen Kalender. Auf optimistic.day stand ihr Name in einem Begleittext neben einem Gedanken Georg Christoph Lichtenbergs über neues Tun und neues Sehen: eine Frau, die ein eben erfundenes Verfahren für etwas benutzte, wofür es nicht erdacht war. Ihre Bilder kannte ich nicht. Als ich sie mir ansah, war zuerst das Blau da, dann die feinen Verzweigungen der Algen, zuletzt die Arbeit selbst, der Papierrand, die handschriftliche Beschriftung, kleine Unterschiede von Blatt zu Blatt.

Anna Atkins wollte Algen genauer zeigen, als eine Zeichnung es vermag. Dafür hatte sie drei Dinge in der Hand, die sonst niemand zusammen hatte; dieses Zusammenspiel hält mich an ihr fest: das Wissen einer Botanikerin, was ein Beleg leisten muß, die Übung einer Zeichnerin, wie eine Form auf dem Papier steht, und ein Verfahren, das kaum ein Jahr alt war und die Pflanze ihre Spur selbst legen ließ. Im Oktober 1843 verschickte sie die erste Lieferung eines Buchs, dessen Tafeln die Sonne belichtet hatte, das erste Buch mit fotografischen Abbildungen. Diese Tafeln begleiten jetzt diese Seite, als das, was sie sind, Gegenstände von 1843 mit eigener Geschichte.

Herkunft und Ausbildung

Anna Children kam am 16. März 1799 in Tonbridge in Kent zur Welt. Ihre Mutter erholte sich von der Geburt nicht mehr und starb im Jahr darauf. Aufgezogen hat sie ihr Vater, John George Children, Chemiker und Zoologe, Sekretär der Royal Society und ab 1822 am British Museum, wo er die naturkundlichen Sammlungen mit betreute und später die zoologische Abteilung leitete. In seinem Haus gehörten Sammeln, Ordnen und genaues Hinsehen zum Tag wie das Essen.

Mit Anfang zwanzig zeichnete sie für ihn 256 Muscheln. Children übersetzte damals Lamarcks Muschelkunde ins Englische, und die Genera of Shells von 1822 bis 1824 tragen ihren Namen auf dem Titel: „with plates from original drawings by Miss Anna Children". Sie hatte also lange vor der Fotografie gelernt, eine Form so wiederzugeben, daß ein anderer sie von der nächsten unterscheiden kann.

1825 heiratete sie John Pelly Atkins. Sie sammelte weiter, preßte Pflanzen, legte ein Herbarium an und tauschte Exemplare mit Botanikern. Die Botanik war eines der wenigen Gebiete der Wissenschaft, in die eine Frau ihrer Zeit hineinkam, und über ihren Vater kannte sie die Männer, die gerade lernten, mit Licht zu zeichnen.

Die Cyanotypie und das Buch von 1843

1841 erschien William Henry Harveys Manual of the British Algae, die erste geordnete Übersicht der britischen Algen, ohne eine einzige Abbildung. Wer eine Art bestimmen wollte, hatte Harveys Beschreibung und sonst nichts, und gerade die kleinen, fein verzweigten Arten ließen sich mit dem Stift kaum zuverlässig wiedergeben. Atkins hat das im Vorwort ihres Buchs selbst so gesagt:

„The difficulty of making accurate drawings of objects as minute as many of the Algae and Confervae, has induced me to avail myself of Sir John Herschel's beautiful process of Cyanotype, to obtain impressions of the plants themselves."

[Die Schwierigkeit, von so winzigen Gegenständen wie vielen Algen und Confervae genaue Zeichnungen anzufertigen, hat mich bewogen, mir Sir John Herschels schönes Cyanotypie-Verfahren zunutze zu machen, um Abdrücke der Pflanzen selbst zu gewinnen.]

Beides, was sie dafür brauchte, kam aus dem Bekanntenkreis ihres Vaters. William Henry Fox Talbot legte seit 1839 Gegenstände unmittelbar auf lichtempfindliches Papier und nannte das Ergebnis „photogenic drawing". John Herschel, ein Freund der Familie, stellte 1842 die Cyanotypie vor, ein Verfahren auf der Grundlage von Eisensalzen, billiger und einfacher als alles, was mit Silber arbeitete. Atkins nahm Talbots Bild ohne Kamera und Herschels Chemie und legte ihre Algen dazwischen.

Was sie dann tat, läßt sich an jedem erhaltenen Blatt ablesen. Sie strich zwei Eisensalzlösungen auf einen Bogen und ließ ihn im Dunkeln trocknen. Auf den trockenen Bogen legte sie das gepreßte Exemplar, so flach es ging, und stellte beides in die Sonne. Wo das Licht hinkam, veränderten sich die Salze; unter der Pflanze blieb das Papier, wie es war. Dann kam der Bogen ins Wasser. Die unbelichteten Salze spülten aus, die belichteten Flächen schlugen in Preußischblau um, und die Alge stand hell im Blau, ein Negativ im Wortsinn. Wo ein Zweig durchschien oder nicht ganz auflag, drang etwas Licht darunter, und aus dem klaren Umriß wurden abgestufte Blautöne, jene weichen, fast körperlichen Spuren, die viele Tafeln haben. Zum Schluß schrieb sie den Namen der Art dazu, in Harveys Nomenklatur, damit ihr Buch neben seinem stehen konnte.

Die erste Lieferung ging im Oktober 1843 an die Royal Society, eigenhändig eingetragen: „For the Royal Society, Presented by Mrs Atkins". Weitere Lieferungen folgten bis 1853, am Ende über vierhundert Tafeln, in den Exemplaren des Natural History Museum 411. Eine Auflage im gewohnten Sinn gab es nicht. Jede Tafel jedes Exemplars hat Atkins einzeln belichtet, gewässert und getrocknet, bei anderem Licht, anderem Auftrag und meist mit einem anderen Pflanzenstück; und wer die Teile bekam, ließ sie nach eigenem Ermessen binden, ergänzte oder ordnete um. Von den etwa zwanzig bekannten Exemplaren gleicht darum keines dem anderen.

Beleg und Bild

Atkins wollte ein botanisches Problem lösen und mußte dafür vor jedem Blatt entscheiden: welches Exemplar, wie entfaltet, wo auf der Seite. Manche Alge steht allein und beinahe streng im Blau. Andere bilden Gruppen, überlagern sich oder wachsen vom Rand in die Fläche. Der Name unter dem Abdruck bestimmt die Art; die Anordnung macht aus dem Abdruck ein Bild.

Die Cyanotypie bewahrte Umriß, Verzweigung und oft erstaunlich feine Einzelheiten. Farbe und räumliche Gestalt der lebenden Alge gab sie nicht wieder, und die botanische Zeichnung blieb darum in Gebrauch. Atkins hatte gesehen, welche Aufgabe das neue Verfahren übernehmen konnte, und aus dieser einen Aufgabe die Form eines ganzen Buchs entwickelt.

Nach den Algen arbeitete sie mit ihrer Jugendfreundin Anne Dixon weiter: Cyanotypes of British and Foreign Ferns 1853, Cyanotypes of British and Foreign Flowering Plants and Ferns 1854. Für die Farne brauchten sie größere Bogen, und auf den größeren Bogen setzten die beiden Frauen die Pflanzen freier in die Fläche, als ein Katalog es verlangt hätte.

Anna Atkins starb 1871. Ihre Bücher liegen heute in London, New York und Los Angeles, und in jedem stehen die Algen etwas anders im Blau.

Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 New York Public Library