31. Dezember
Nimm die Meinung weg über das, was dich zu kränken scheint — und du stehst auf sicherstem Grund.
Selbstbetrachtungen VIII,40 (frei übertragen)
Hörmodus
Nimm die Meinung weg über das, was dich zu kränken scheint — und du stehst auf sicherstem Grund.
Ein Satz kann dich einen ganzen Abend beschäftigen, obwohl er kaum zehn Wörter hatte. Jemand hat gesagt, du seist ja immer sehr gründlich. Ob das anerkennend gemeint war oder spitz, lässt sich aus dem Tonfall nicht mehr sicher bestimmen. Du versuchst es trotzdem: der Blick dabei, die kleine Pause davor, wer sonst noch im Raum war.
Was dich kränkt, ist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr der Satz. Es ist die Fassung, die du aus ihm gemacht hast, und sie ist ausführlicher als alles, was gesagt wurde. Sie enthält ein Urteil über dich und eine Absicht des anderen. Beides hast du ergänzt.
Diese Ergänzung wegzulassen ist schwerer, als es klingt. Sie fühlt sich nämlich nicht wie eine Meinung an, sondern wie Aufmerksamkeit, fast wie das Gegenteil von Naivität. Und wer sie weglässt, verzichtet auch auf die freundliche Lesart. Übrig bleibt ein Satz, den du nicht mehr auslegst, weder Lob noch Spitze.
Am nächsten Morgen fällt er dir wieder ein. Du hast ihn ziemlich genau im Ohr, gründlicher, als ihn vermutlich irgendjemand sonst behalten hat.