29. Dezember

Die lange Gewohnheit zu leben macht uns das Sterben schwer. Doch die Urnen lehren Bescheidenheit: Namen, in Erz gegraben, sinken zuletzt doch in die Zeit.

Thomas Browne Hydriotaphia — Urnenbestattung (frei übertragen)

Hörmodus

Die lange Gewohnheit zu leben macht uns das Sterben schwer. Doch die Urnen lehren Bescheidenheit: Namen, in Erz gegraben, sinken zuletzt doch in die Zeit.

Thomas Browne

In einem alten Kalender findest du einen Eintrag in deiner eigenen Schrift: eine Uhrzeit, ein Vorname, ein Ausrufezeichen. Damals war dir dieser Termin offenbar wichtig. Heute weißt du weder, wer gemeint war, noch worum es ging.

Die meisten deiner Tage sind auf diese Weise verschwunden, und du vermisst sie nicht. Trotzdem bist du aus ihnen hervorgegangen. Das Vergessen, das dich beim Gedanken an später vielleicht beunruhigt, geschieht im Kleinen also längst, und zwar durch dich selbst.

Ganz beruhigen kann dich das trotzdem nicht. Beim Kalender bist du es, der vergisst, und du bleibst derjenige, dem die Lücke auffällt. An diese Stellung bist du so lange gewöhnt, dass du sie kaum wegdenken kannst. Selbst wenn du dir vorstellst, dass irgendwann niemand mehr deinen Namen kennt, stehst du in dieser Vorstellung noch irgendwo am Rand und siehst zu. Schwer ist dann womöglich weniger, vergessen zu werden. Schwerer ist, dass niemand übrig bleibt, der es bemerkt, auch du nicht.

Du blätterst weiter. Zwei Wochen später steht derselbe Vorname noch einmal da, diesmal ohne Ausrufezeichen.

Anna Atkins, Myriotrichia filiformis, Cyanotypie
Myriotrichia filiformis · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Myriotrichia filiformis, Cyanotypie

Myriotrichia filiformis · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae