28. Dezember
Ich trage einen Streit in mir: Das eine will begehren, das andere mahnt. Nur wer sich selbst belauscht, im ehrlichen Zwiegespräch, durchschaut, wer da in ihm spricht.
Secretum (frei übertragen)
Am Geländer
Ich trage einen Streit in mir: Das eine will begehren, das andere mahnt. Nur wer sich selbst belauscht, im ehrlichen Zwiegespräch, durchschaut, wer da in ihm spricht.
Eveline saß am Fenster. Die vertrauten Gegenstände hatte sie jahrelang abgestaubt, ohne sich zu fragen, woher der Staub immer wieder kam. Würde sie sie nun nie mehr sehen? Auf ihrem Schoß lagen zwei Briefe: einer für ihren Bruder, einer für ihren Vater. Mit Frank wollte sie Dublin verlassen und in Buenos Aires leben.
Zu Hause gab sie ihren Lohn ab, führte den Haushalt und fürchtete die Drohungen ihres Vaters. Doch gerade jetzt fiel ihr ein, wie er ihr während einer Krankheit eine Geschichte vorgelesen und Toast gemacht hatte. Von draußen kam Drehorgelmusik. Sie dachte an die sterbende Mutter und an ihr Versprechen, das Zuhause zusammenzuhalten, solange sie konnte. Aber das Leben der Mutter, die Opfer, ihr Ende – Eveline sprang auf. Sie musste fort. Sie wollte leben.
Am Hafen hielt Frank ihre Hand. Das Schiff pfiff. Ihr war übel; sie betete, um zu wissen, was ihre Pflicht war. Als Frank sie mitziehen wollte, umklammerte sie das eiserne Geländer. Er ging durch die Absperrung und rief nach ihr. Ihre Hände ließen nicht los. Sie sah ihn an, ohne ein Zeichen des Abschieds.