26. Dezember
Jedes Ding hat zwei Griffe: An dem einen lässt es sich tragen, an dem anderen nicht.
Handbüchlein der Moral, 43
Hörmodus
Jedes Ding hat zwei Griffe: An dem einen lässt es sich tragen, an dem anderen nicht.
Über dieselbe Freundin lassen sich zwei wahre Sätze sagen: Sie kommt fast immer zu spät. Und: Sie kommt fast immer. Keiner widerlegt den anderen. Trotzdem wird aus dem ersten ein anderer Abend als aus dem zweiten, schon bevor sie da ist.
Es liegt nahe, einfach den freundlicheren zu wählen. Doch der freundliche Satz kann auch eine Art sein, nichts zu sagen. Wenn du das Warten nur noch in Verlässlichkeit umrechnest, erfährt sie nie, dass dich die zwanzig Minuten an der Ecke tatsächlich etwas kosten. Und der ärgerliche Satz, so genau er klingt, macht aus einer Gewohnheit leicht einen Charakter.
Vielleicht kommt es weniger darauf an, welcher der beiden Sätze wahrer ist, als darauf, von welchem aus du sprichst. Den ärgerlichen musst du deshalb nicht verschweigen. Oft lässt er sich sogar leichter sagen, wenn sie spürt, dass du den anderen längst kennst.
Sie biegt um die Ecke, außer Atem, und entschuldigt sich schon von Weitem. Du hast beide Sätze bei dir und weißt noch nicht, welcher zuerst kommt.