21. Dezember
Die Zeit des Lebens ist ein Punkt, das Dasein fließend, die Wahrnehmung trüb, der Leib vergänglich, der Nachruhm Vergessen. Was kann da geleiten? Ein Einziges: die Philosophie.
Selbstbetrachtungen II,17
Hörmodus
Die Zeit des Lebens ist ein Punkt, das Dasein fließend, die Wahrnehmung trüb, der Leib vergänglich, der Nachruhm Vergessen. Was kann da geleiten? Ein Einziges: die Philosophie.
Wenn du einen Brief liest, den du vor Jahren geschrieben hast, erkennst du deine Handschrift sofort, deine Gewissheiten aber nicht immer. Manches schien dir damals eindeutig, worüber du heute länger nachdenken würdest. Vermutlich wird dir später auch manches so vorkommen, was dir jetzt klar erscheint.
Daraus ließe sich schließen, dass deinem Urteil nicht zu trauen ist. Nur hast du kein anderes. Du kannst nicht aus deiner Wahrnehmung heraustreten, um sie von außen zu prüfen. Die Unschärfe, die du bemerkst, bemerkst du mit denselben Augen.
Eigenartig ist allerdings, dass dir der alte Brief überhaupt etwas zeigt. Irgendetwas in dir hat sich bewegt und dabei Abstand gewonnen, sodass der frühere Irrtum sichtbar wird. Dieser Abstand ist kein fester Standpunkt. Er entsteht eher dadurch, dass du deine eigenen Sätze noch einmal liest, ohne sie gleich zu verteidigen oder zu verwerfen.
Du legst den Brief zurück in die Schublade. Was du heute darüber gedacht hast, schreibst du nirgends auf. Irgendwann wird es trotzdem genauso alt sein.