18. Dezember
Alles, Lucilius, ist fremdes Gut, nur die Zeit ist unser. Diesen einen flüchtigen, unsicheren Besitz hat uns die Natur gegeben — und jeder, der will, verdrängt uns daraus.
Briefe an Lucilius, 1. Brief
Hörmodus
Alles, Lucilius, ist fremdes Gut, nur die Zeit ist unser. Diesen einen flüchtigen, unsicheren Besitz hat uns die Natur gegeben — und jeder, der will, verdrängt uns daraus.
Mit der Zeit verhält es sich anders als mit anderem Besitz. Du kannst sie nicht aufbewahren, nicht für später zurücklegen, nicht verleihen und wieder einfordern. Sie vergeht auch dann, wenn du sie ganz für dich behältst. Was dir an ihr gehört, ist also weniger die Stunde selbst als die Frage, womit sie vergeht.
Gerade diese Frage lässt sich leicht übergehen. Eine Anfrage, die nur kurz dauern soll, eine Verpflichtung, die sich aus der vorigen ergibt: Niemand nimmt dir etwas weg, du sagst ja jedes Mal selbst zu. Erst am Abend merkst du, dass der Tag zwar voll war, aber kaum etwas darin von dir ausging.
Umgekehrt war manche Stunde, die dir scheinbar genommen wurde, später die, an die du dich am deutlichsten erinnerst. Ein Umweg für jemand anderen, ein Gespräch, das deinen Plan zunichtemachte. Verdrängte und verschenkte Zeit lassen sich im Augenblick kaum unterscheiden. Oft zeigt sich erst hinterher, welche welche war.
Dann ist die Stunde längst vergangen. Zurückverlangen kannst du sie nicht, und verschenkt hättest du sie vielleicht trotzdem.