15. Dezember

Der gute Mensch färbt die Ereignisse mit seiner eigenen Farbe und wendet alles, was geschieht, zu seinem Nutzen.

Seneca Briefe an Lucilius, 98. Brief (frei übertragen)

Hörmodus

Der gute Mensch färbt die Ereignisse mit seiner eigenen Farbe und wendet alles, was geschieht, zu seinem Nutzen.

Seneca

Nach einer schweren Zeit fragt dich irgendwann jemand, was du daraus gelernt hast. Die Frage ist meistens freundlich gemeint. Trotzdem merkst du, wie sie deine Antwort in eine bestimmte Form drängt: Am Ende soll etwas herausgekommen sein, das den Preis rechtfertigt.

Vielleicht hast du eine solche Antwort parat. Sie klingt vernünftig, und ganz falsch ist sie nicht. Nur verschiebt sie etwas. Was dir zugestoßen ist, wird zur Vorgeschichte einer Einsicht, als hätte es von Anfang an auf sie hingearbeitet. Ein Verlust bekommt nachträglich einen Zweck, den er nie hatte.

Etwas aus einem Ereignis zu machen, ist trotzdem nicht dasselbe, wie es schönzureden. Der Unterschied zeigt sich selten in dem, was du darüber erzählst. Eher in Kleinigkeiten, die sich verändert haben, ohne dass du sie beschlossen hättest: wem du heute zurückschreibst, oder wie lange du bei der schlechten Nachricht eines anderen bleibst, bevor du etwas Tröstliches sagst.

Auf die Frage würdest du davon wohl nichts erzählen. Es fiele dir nicht einmal ein.

Anna Atkins, Sporochnus rhizodes, Cyanotypie
Sporochnus rhizodes · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Sporochnus rhizodes, Cyanotypie

Sporochnus rhizodes · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae