13. Dezember
Wähle dir einen Cato: einen Menschen, vor dessen innerem Blick du lebst, als sähe er alles, was du tust.
Briefe an Lucilius, 11. Brief
Hörmodus
Wähle dir einen Cato: einen Menschen, vor dessen innerem Blick du lebst, als sähe er alles, was du tust.
Manchmal hörst du bei einer Entscheidung eine Stimme, die nicht deine ist. Du formulierst eine Mail etwas zu glatt und weißt sofort, wie ein bestimmter Mensch dabei die Augenbraue heben würde. Du schreibst sie neu. Er wird davon nie erfahren.
Solche Zeugen entstehen selten aus einem Entschluss. Jemand hat einmal ein überflüssiges Wort gestrichen, eine Ausrede nicht gelten lassen oder an einer Stelle gelacht, an der du dich zu wichtig genommen hast. Daraus wird über die Jahre eine Figur, die mitliest.
Schwierig wird es, wenn du dem wirklichen Menschen wieder begegnest. Vielleicht ist er nachsichtiger geworden oder müder, oder er erinnert sich kaum an den Satz, den du seitdem nicht losgeworden bist. Manches, wovor dich seine innere Fassung bewahrt hat, wäre ihm gleichgültig. Dafür würde er womöglich etwas beanstanden, das deine Figur nie bemerkt hat.
Dann ist nicht mehr klar, wessen Blick dich eigentlich prüft. Die Figur hat sich seine Strenge geliehen und sie mit deinen eigenen Befürchtungen aufgefüllt. Trotzdem hat sie dich oft gut beraten.
Beim Abschied sagt er etwas Beiläufiges über deine Arbeit. Du hörst genau hin, als könnte dieser Satz nachträglich einige Jahre bestätigen.