12. Dezember
Alles passt mir, was dir gefügig ist, o Welt. Nichts ist mir zu früh und nichts zu spät, was dir zur rechten Zeit kommt. Alles ist mir Frucht, was deine Jahreszeiten tragen, Natur: Aus dir ist alles, in dir ist alles, zu dir geht alles.
Selbstbetrachtungen IV,23
Hörmodus
Alles passt mir, was dir gefügig ist, o Welt. Nichts ist mir zu früh und nichts zu spät, was dir zur rechten Zeit kommt. Alles ist mir Frucht, was deine Jahreszeiten tragen, Natur: Aus dir ist alles, in dir ist alles, zu dir geht alles.
Manches verstehst du erst, wenn es dir nichts mehr nützt. Ein Rat, den du vor Jahren abgetan hast, ergibt plötzlich Sinn, als die Lage, für die er gedacht war, längst vorbei ist. Dein erster Gedanke lautet dann oft: zu spät.
In diesem Wort stecken zwei Urteile. Das eine stellt fest, dass etwas angekommen ist. Das andere misst diese Ankunft an einem Zeitplan, den es nie gab, außer in deinem Rückblick. Damals hättest du den Satz kaum verstehen können. Dir fehlte, was du seitdem erlebt hast. Das Verständnis ist also nicht verspätet eingetroffen. Es besteht aus genau diesen Jahren.
Trotzdem lässt sich das zweite Urteil nicht einfach streichen. Manchmal gab es jemanden, mit dem du darüber hättest sprechen können, und dieser Mensch ist nicht mehr erreichbar. Der Verlust ist wirklich, auch wenn der frühere Zeitpunkt nur gedacht ist.
Du verstehst den Satz jetzt ganz. Gerade deshalb weißt du, wem du gern davon erzählt hättest.