10. Dezember
Ich bin, um es offen zu sagen, weder krank noch gesund.
Von der Seelenruhe, 1 (Bekenntnis des Serenus)
Hörmodus
Ich bin, um es offen zu sagen, weder krank noch gesund.
Auf die Frage, wie es dir geht, gibt es zwei bequeme Antworten. „Gut“ beendet das Thema. „Schlecht“ eröffnet ein Gespräch, in dem du einen Grund nennen müsstest. Manchmal passt keine von beiden. Nichts ist zerbrochen, und doch sitzt etwas schief, ohne dass du sagen könntest, wo.
Dieser Zustand hat es schwer, ernst genommen zu werden, auch von dir selbst. Ein Unglück hätte wenigstens eine Gestalt. Es würde Aufmerksamkeit verlangen, vielleicht eine Entscheidung erzwingen. Die leise Unstimmigkeit dagegen verlangt nichts. Sie lässt sich verschieben, Woche um Woche, weil es ja eigentlich geht.
Was nie zur Krise wird, wird auch nicht behandelt. Du richtest dich darin ein wie in einem Zimmer, dessen Licht ein wenig zu schwach ist: Du kannst darin lesen, und genau deshalb wechselst du die Birne nicht.
Einmal sagst du vielleicht „weder noch“, statt dich für eine der beiden Antworten zu entscheiden. Gelöst ist damit nichts. Dein Gegenüber weiß nicht recht, was es weiter fragen soll, und du weißt auch nicht, was du ergänzen könntest. Ihr schweigt einen Moment. Keiner von euch füllt die Stelle mit einer Erklärung.