2. Dezember
Dreierlei bist du: Leib, Atem, Geist. Zwei davon sind dir anvertraut, dass du für sie sorgst — nur das dritte ist im eigentlichen Sinn dein.
Selbstbetrachtungen XII,3 (frei übertragen)
Hörmodus
Dreierlei bist du: Leib, Atem, Geist. Zwei davon sind dir anvertraut, dass du für sie sorgst — nur das dritte ist im eigentlichen Sinn dein.
Ein geliehenes Buch liest du anders als ein eigenes. Du knickst keine Ecken, stellst die Tasse nicht daneben und gibst es so zurück, wie du es bekommen hast. In ein eigenes Buch schreibst du dagegen schief etwas an den Rand oder lässt es auf dem Balkon liegen. Wenn dir etwas gehört, erlaubst du dir oft eine Nachlässigkeit, die du dir bei Anvertrautem kaum gestatten würdest.
Mit deinem Körper gehst du meist wie mit Eigentum um. Seine Müdigkeit übergehst du, schließlich ist es deine. Erst wenn er sich verweigert, merkst du, wie wenig du über ihn verfügst. Pflegen lässt er sich, befehligen kaum.
Mit deinem Urteil ist es oft umgekehrt. Hier hättest du wirklich Verfügung, und gerade das gibst du leicht aus der Hand. Du übernimmst eine Einschätzung, um niemanden zu verstimmen, oder überlässt die Entscheidung einer Laune. Später erinnerst du dich kaum noch, wann du es weitergegeben hast.
Dein Urteil ist das Einzige, was niemand von dir zurückverlangt. Deshalb fällt auch niemandem auf, wenn es fehlt, manchmal nicht einmal dir.