30. November
Sage niemals von einer Sache: Ich habe sie verloren — sondern: Ich habe sie zurückgegeben. Dein Kind ist gestorben? Es ist zurückgegeben. Dein Gut ist dir genommen? Auch es ist zurückgegeben.
Handbüchlein der Moral, 11
Hörmodus
Sage niemals von einer Sache: Ich habe sie verloren — sondern: Ich habe sie zurückgegeben. Dein Kind ist gestorben? Es ist zurückgegeben. Dein Gut ist dir genommen? Auch es ist zurückgegeben.
Das Wort „mein“ verspricht mehr, als es halten kann. Du sagst „meine Straße“, „mein Freund“, „meine Jahre in dieser Stadt“, und meinst damit kaum Besitz. Eher eine Zugehörigkeit, die in beide Richtungen reicht.
Erst wenn etwas endet, wird das Wort streng. Dann klingt „Ich habe es verloren“ fast wie ein Eingeständnis: als hättest du nicht gut genug aufgepasst, als gäbe es irgendwo noch eine Stelle, an der du suchen könntest. Der Schmerz hält an diesem Anspruch fest. Solange etwas verloren ist, gehört es dir noch.
Ein anderes Wort könnte dich von dieser Suche entlasten. Es verlangt aber auch etwas: zuzugeben, dass du nie ganz darüber verfügt hast, nicht einmal in den besten Jahren. Das kann sich wie ein zweiter Abschied anfühlen, diesmal von deinem Recht darauf.
Vielleicht wechselst du zwischen beiden Wörtern, je nach Tag. Wenn du von früher erzählst, sagst du trotzdem weiter „meine Straße“. Niemand verbessert dich.