29. November
Ihr lebt, als würdet ihr ewig leben; nie fällt euch eure Hinfälligkeit ein. Wie Sterbliche fürchtet ihr alles — wie Unsterbliche begehrt ihr alles.
Von der Kürze des Lebens, 3
Hörmodus
Ihr lebt, als würdet ihr ewig leben; nie fällt euch eure Hinfälligkeit ein. Wie Sterbliche fürchtet ihr alles — wie Unsterbliche begehrt ihr alles.
Wenn du zwischen zwei Möglichkeiten schwankst, kann das Zögern sehr vernünftig aussehen. Du willst nichts überstürzen und keinen Fehler machen, der sich nicht mehr korrigieren lässt. Diese Vorsicht rechnet mit Endlichkeit: mit Folgen, die bleiben, und mit Kräften, die nicht für jeden Umweg reichen.
Zugleich möchtest du keine der beiden Möglichkeiten aufgeben. Solange du nicht wählst, gehören dir beide ein wenig. Diese Haltung rechnet mit einer Zeit ohne Ende, in der alles Verschobene später noch an die Reihe kommt.
So arbeiten zwei Rechnungen gegeneinander, und jede wirkt für sich vernünftig. Die eine macht dich vorsichtig, die andere unersättlich. Zusammen ergeben sie etwas Merkwürdiges: Du schützt dich vor einem Verlust, indem du einen anderen in Kauf nimmst, den du kaum bemerkst. Auch das Offenhalten kostet Zeit, nur wird sie nirgends verbucht.
Manchmal entscheidest am Ende gar nicht mehr du, sondern eine Frist, die abläuft, oder ein Angebot, das zurückgezogen wird. Das fühlt sich dann beinahe wie Erleichterung an. Ob die Möglichkeit, die übrig blieb, die richtige war, fragst du danach nicht mehr.