26. November
Verrichte jede Handlung deines Lebens so, als wäre sie die letzte: frei von Unbedachtheit, frei von Heuchelei, Eigenliebe und Unmut über das Zugeteilte. Du siehst: Es ist wenig, was einer meistern muss, um ein ruhiges, den Göttern gleiches Leben zu führen.
Selbstbetrachtungen II,5
Hörmodus
Verrichte jede Handlung deines Lebens so, als wäre sie die letzte: frei von Unbedachtheit, frei von Heuchelei, Eigenliebe und Unmut über das Zugeteilte. Du siehst: Es ist wenig, was einer meistern muss, um ein ruhiges, den Göttern gleiches Leben zu führen.
Vieles tust du in einer vorläufigen Fassung. Du antwortest knapp, weil du später ausführlicher schreiben willst. Du lässt eine Bemerkung stehen, die nicht ganz stimmt, weil sich beim nächsten Mal eine bessere Gelegenheit ergeben wird. Das Spätere dient als Rücklage, aus der sich jede Nachlässigkeit bezahlen lässt.
Ohne diese Rücklage wäre vieles schwer auszuhalten. Wenn du jede Handlung als endgültig behandelst, wirst du leicht feierlich, prüfst dich ständig und kannst kaum noch etwas ausprobieren. Auch darin steckt Eitelkeit: der Wunsch, dass jeder Augenblick etwas Gültiges über dich aussagt.
Die eigentliche Unterscheidung liegt woanders. Etwas kann leicht und unfertig sein und trotzdem ganz gemeint. Eine kurze Antwort ist nicht nachlässig, solange sie nicht insgeheim auf eine andere verweist, die sie entschuldigen soll. Schief wird sie erst, wenn du darin nur halb anwesend bist und die andere Hälfte für eine bessere Fassung aufsparst, die vielleicht nie geschrieben wird.
Manchmal bemerkst du das an einem Satz, kurz bevor du ihn abschickst. Er bleibt kurz. Du liest ihn trotzdem noch einmal, als müsste er ohne Fortsetzung bestehen.