21. November
Setze dir jetzt eine bestimmte Prägung und Haltung fest, die du bewahren willst — ob du allein bist oder unter Menschen.
Handbüchlein der Moral, 33
Hörmodus
Setze dir jetzt eine bestimmte Prägung und Haltung fest, die du bewahren willst — ob du allein bist oder unter Menschen.
Mit verschiedenen Menschen sprichst du verschieden. Bei einem alten Freund wirst du schneller albern, in einer Besprechung genauer, mit einem Kind langsamer. Niemand würde das Verstellung nennen. Wer überall denselben Ton anschlüge, wäre eher schwer erträglich als standhaft.
Schwieriger wird es bei dem, was nicht zum Ton gehört. In einer Runde lachst du über eine Bemerkung, die du allein nicht komisch gefunden hättest. Du nickst zu einem Urteil über jemanden, den du kaum kennst, weil Widerspruch den Abend schwerer gemacht hätte. Hinterher lässt sich kaum sagen, wo die Rücksicht aufhörte und etwas anderes begann.
Das Alleinsein taugt dabei nicht ohne Weiteres als Maßstab. Ohne Zuschauer bist du nicht automatisch echter. Manchmal bist du dann nur nachlässiger, manchmal strenger mit dir, als du es vor anderen je wärst. Auch dort spielst du vielleicht für ein Publikum, das nur in deinem Kopf sitzt.
Eine Haltung zeigt sich womöglich weniger darin, dass du überall gleich bist, als darin, ob du dazu stehen könntest, wenn die Leute aus dem jeweils anderen Raum zuhörten.
Diese Frage stellt sich meistens erst auf dem Heimweg.