16. November
Solange mein Glück stand, kannte ich meine Freunde nicht; erst als es fiel, sah ich, wer bei mir blieb. Das Unglück ist bitter — doch es öffnet die Augen.
Tristia (Briefe aus der Verbannung) (frei übertragen)
Hörmodus
Solange mein Glück stand, kannte ich meine Freunde nicht; erst als es fiel, sah ich, wer bei mir blieb. Das Unglück ist bitter — doch es öffnet die Augen.
Manche Gewissheiten bekommst du nur, wenn etwas dafür zerbricht. Ob jemand zu dir hält, zeigt sich erst, wenn es ihn etwas kostet. Solange nichts auf dem Spiel steht, sehen Zuneigung und bloße Annehmlichkeit einander zum Verwechseln ähnlich.
Trotzdem würdest du diese Probe niemandem auferlegen wollen, auch dir selbst nicht. Es gibt eine Unwissenheit, in der sich gut leben lässt: Du gehst davon aus, dass deine Freunde dich mögen, und musst es nicht nachprüfen.
Kommt die Probe dann doch, sind ihre Ergebnisse weniger eindeutig, als du erwarten würdest. Vielleicht meldet sich jemand regelmäßig, mit dem du kaum gerechnet hattest. Ein anderer schweigt, und du weißt nicht, ob aus Gleichgültigkeit oder weil er keinen ersten Satz gefunden hat. Schweigen lässt sich schwer lesen.
Hinterher kennst du deine Freunde womöglich besser, vielleicht aber auch nur anders. Die Frage, wer bleibt, verschwindet nicht ganz, wenn es dir wieder gut geht. Sie stellt sich nur aus der anderen Richtung, wenn jemand gerade schwer zu erreichen ist und du überlegst, ob du anrufen sollst.