15. November

Wer Unrecht tut, tut sich selbst Unrecht. Wer ungerecht ist, ist gegen sich selbst ungerecht: Er macht sich selbst schlecht.

Marc Aurel Selbstbetrachtungen IX,4

Hörmodus

Wer Unrecht tut, tut sich selbst Unrecht. Wer ungerecht ist, ist gegen sich selbst ungerecht: Er macht sich selbst schlecht.

Marc Aurel

Nach einer kleinen Ungerechtigkeit fühlst du dich selten schlecht. Häufiger fallen dir Gründe ein. Du hast jemandem im Gespräch das Wort abgeschnitten, einen Vorschlag kleiner gemacht, als er war, oder eine fremde Idee stillschweigend als deine durchgehen lassen. Bald bemerkst du an dieser Person Dinge, die dir vorher gleichgültig waren: ihre umständliche Art, ihren Ehrgeiz, wie gern sie sich in den Vordergrund schiebt.

Darin liegt etwas Eigentümliches. Die Tat ist vorbei, aber sie braucht weiterhin Gründe. Soll sie nicht falsch gewesen sein, muss die andere Person ein wenig weniger wert sein. Du pflegst nun ein Bild von ihr, das zu deinem Verhalten passt, und dieses Bild verlangt Auswahl, kleine Auslassungen, eine gewisse Wachsamkeit.

Der Schaden liegt dann weniger in einem schlechten Gewissen als in einem schmaleren Blick. Du siehst diesen Menschen nicht mehr ganz, und dich selbst siehst du nur noch von der Seite, die recht hatte.

Vielleicht sagt sie irgendwann etwas Kluges. Du hörst es durchaus. Und merkst, wie schwer es dir fällt, einfach zuzustimmen.

Anna Atkins, Chylocladia kaliformis, Cyanotypie
Chylocladia kaliformis · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Chylocladia kaliformis, Cyanotypie

Chylocladia kaliformis · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae