12. November
Zwei rumpflose Beine aus Stein stehen in der Wüste, daneben ein zerbrochenes Antlitz im Sand. Auf dem Sockel steht: „Schaut meine Werke, ihr Mächtigen, und verzweifelt!" Sonst blieb nichts — nur endloser, kahler Sand.
Ozymandias (frei übertragen)
Hörmodus
Zwei rumpflose Beine aus Stein stehen in der Wüste, daneben ein zerbrochenes Antlitz im Sand. Auf dem Sockel steht: „Schaut meine Werke, ihr Mächtigen, und verzweifelt!" Sonst blieb nichts — nur endloser, kahler Sand.
In einer Kiste mit gebrauchten Büchern findest du eine Widmung: „Für J., damit du nie vergisst, wer immer an dich geglaubt hat.“ Die Schrift ist sorgfältig, der Satz offenbar ernst gemeint. Jetzt liegt das Buch für einen Euro zwischen alten Reiseführern.
Vielleicht ist nichts Trauriges geschehen. Vielleicht ist J. umgezogen und hatte zu viele Kartons. Trotzdem liest du den Satz anders, als er geschrieben wurde. Er ist Wort für Wort unverändert geblieben, und gerade deshalb sagt er nun etwas, das niemand hineingelegt hat.
Mit Worten, die bleiben, geht es häufig so. Dass sie überdauern, schützt ihren Sinn nicht. Je bestimmter ein Satz klingt, mit „nie“, „immer“ oder „für alle Zeit“, desto deutlicher hebt sich später jede Abweichung davon ab. Ein vorsichtiger Satz hätte weniger zu verlieren gehabt. Allerdings hätte ihn auch niemand geschrieben, um einen bestimmten Menschen an einem bestimmten Tag zu erreichen.
Du legst das Buch zurück oder nimmst es mit. So oder so hast du die Widmung jetzt gelesen, ohne J. zu kennen.