3. November

Ich habe die Abgeschiedenheit über alle Tugend gestellt. Denn wer nichts will und nichts hat, dem steht nichts mehr im Wege — er ist frei und leer und offen.

Meister Eckhart Von der Abgeschiedenheit (frei übertragen)

Hörmodus

Ich habe die Abgeschiedenheit über alle Tugend gestellt. Denn wer nichts will und nichts hat, dem steht nichts mehr im Wege — er ist frei und leer und offen.

Meister Eckhart

Manchmal hörst du auf, auf etwas zu hoffen, ohne es beschlossen zu haben. Eine Antwort, die seit Wochen aussteht, eine Zusage, ein bestimmtes Wort von einem bestimmten Menschen. Eines Morgens prüfst du nicht mehr zuerst, ob es gekommen ist.

Die Tage werden dadurch merkwürdig leicht. Du hörst wieder zu, wenn jemand etwas erzählt, statt nebenher zu überlegen, was es für dich bedeutet. Dinge, die mit deinem Wunsch nichts zu tun haben, bekommen wieder Platz.

Schwierig ist nur, diese Leichtigkeit richtig zu benennen. Sie könnte Freiheit sein. Sie könnte auch Müdigkeit sein, eine Enttäuschung, die sich bequem eingerichtet hat. Von innen fühlen sich beide ähnlich an: weniger Druck, weniger Erwartung, weniger Unruhe. Und du kannst die Freiheit nicht einfach zu deinem neuen Ziel machen, ohne schon wieder etwas zu wollen.

Vielleicht zeigt sich der Unterschied erst, wenn die Nachricht doch noch kommt. Dann merkst du, ob du sie öffnest wie etwas, das dich nichts mehr angeht, oder wie etwas, das du noch nicht kennst.

Anna Atkins, Furcellaria fastigiata, Cyanotypie
Furcellaria fastigiata · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Furcellaria fastigiata, Cyanotypie

Furcellaria fastigiata · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae