24. Oktober
Überall sein heißt nirgends sein. Wer sein Leben auf Reisen verbringt, hat viele Gastgeber und keine Freunde. Dasselbe gilt für die Geister: Vieles flüchtig kosten nährt nicht.
Briefe an Lucilius, 2. Brief
Hörmodus
Überall sein heißt nirgends sein. Wer sein Leben auf Reisen verbringt, hat viele Gastgeber und keine Freunde. Dasselbe gilt für die Geister: Vieles flüchtig kosten nährt nicht.
Am Anfang nimmt dich fast jede Sache freundlich auf. Wenn du ein Instrument, eine Sprache oder ein Handwerk beginnst, kommen die Fortschritte schnell. Nach drei Wochen kannst du ein Lied spielen, jemanden begrüßen, einen ersten schiefen Hocker vorzeigen. Jeder Schritt fällt auf, auch dir selbst.
Irgendwann wird es zäh. Du übst seit Tagen dieselbe Stelle, und sie klingt kaum anders. Genau dann lockt ein neuer Anfang, wieder mit schnellen Erfolgen und dem angenehmen Gefühl, unterwegs zu sein.
So kannst du in vielen Gebieten willkommen gewesen sein, ohne dass dich eines wirklich kennt. Ein verlorenes Leben ist das nicht; manches Ausprobieren war einfach schön. Doch die zähe Phase hat etwas, das der Anfang nicht hat. Dort fängt die Sache an, dir zu antworten: Deine Hand gewöhnt sich an einen Griff, und ein wiederkehrender Fehler zeigt dir, wo du jedes Mal hängenbleibst.
Ob du bleibst, entscheidet sich selten an der ersten Begeisterung. Eher an einem gewöhnlichen Dienstag, an dem die Stelle noch immer nicht klingt und du das Heft trotzdem aufschlägst.