10. Oktober
Nicht der Tod ist zu fürchten, sondern die Furcht vor dem Tod.
Unterredungen II,1 (frei übertragen)
Hörmodus
Nicht der Tod ist zu fürchten, sondern die Furcht vor dem Tod.
Das Ereignis, das du fürchtest, steht noch aus. Die Furcht davor kann sich schon jetzt beliebig oft ereignen. Vor einer schwierigen Untersuchung erlebst du den Befund in Gedanken schon in mehreren Fassungen, an mehreren Abenden und jedes Mal mit voller Wucht. Wenn der Termin kommt, hast du ihn längst häufiger durchlitten, als er selbst je dauern könnte.
Beim eigenen Ende spitzt sich das zu. Den Tod selbst wirst du nicht als Zustand vorfinden, in dem du dich dann aufhältst. Die Furcht vor ihm dagegen erlebst du vollständig, mitten in Tagen, die eigentlich etwas anderem gehören.
Trotzdem lässt sie sich nicht einfach als Denkfehler abtun. In ihr steckt auch, dass du an etwas hängst: an bestimmten Menschen, an Gewohnheiten, an Plänen für das nächste Jahr. Wer gar nichts mehr fürchtete, hätte womöglich auch weniger, was ihm wichtig ist.
Vielleicht lässt sich die Furcht nicht abschaffen, sondern nur in ihrem Umfang verändern. Dann bemerkst du an einem gewöhnlichen Abend, dass sie wieder mit am Tisch saß. Das Gespräch hat diesmal trotzdem jemand anderes geführt.