9. Oktober
Mancher Schlechte ist reich, mancher Gute muss darben; doch mein Rechtes tausch ich nicht gegen ihr Gold. Denn die Tugend bleibt und steht, während der Reichtum bald diesem, bald jenem gehört.
Elegien (frei übertragen)
Hörmodus
Mancher Schlechte ist reich, mancher Gute muss darben; doch mein Rechtes tausch ich nicht gegen ihr Gold. Denn die Tugend bleibt und steht, während der Reichtum bald diesem, bald jenem gehört.
Es kränkt auf eigene Weise, wenn jemand mit weniger Skrupeln weiterkommt als du. Dabei geht es nicht nur um das, was dir entgangen ist. Du hattest stillschweigend angenommen, Anständigkeit werde sich irgendwann bemerkbar machen. Nun scheint sie nicht einmal mitgezählt worden zu sein.
Vielleicht liegt der Fehler schon in dieser Annahme. Was du besitzt, kannst du sammeln, vergleichen, verlieren oder weitergeben. Mit deiner Redlichkeit gelingt nichts davon. Sie liegt nirgends bereit, und einen Vorrat von ihr hast du nicht. Eine ehrliche Auskunft von vor drei Jahren hilft dir bei der heutigen Versuchung nicht.
Deshalb kann sie dir niemand wegnehmen. Aus demselben Grund kannst du dich aber auch nicht auf ihr ausruhen. Was der andere gewonnen hat, gehört ihm, solange es eben bleibt. Deine Redlichkeit dagegen existiert nur in dem Moment, in dem du dich ihr gemäß verhältst, und meistens dann, wenn es dich etwas kostet.
Am Abend hast du nichts vorzuweisen. Morgen fragt dich die Sache wieder, als hättest du noch nie geantwortet.