6. Oktober

Auch wenn du dreitausend Jahre leben solltest oder zehnmal so lange: Bedenke, dass niemand ein anderes Leben verliert als das, welches er gerade lebt, und kein anderes lebt als das, welches er verliert.

Marc Aurel Selbstbetrachtungen II,14

Hörmodus

Auch wenn du dreitausend Jahre leben solltest oder zehnmal so lange: Bedenke, dass niemand ein anderes Leben verliert als das, welches er gerade lebt, und kein anderes lebt als das, welches er verliert.

Marc Aurel

Wenn du dir vorstellst, Jahre zu verlieren, denkst du meist an eine Menge: zehn Jahre weniger, ein Sommer, der nicht mehr kommt. Eine Zahl lässt sich vergleichen, und gerade deshalb erschreckt sie dich.

Gelebt hast du aber nie eine Menge. Du hast immer nur einen Nachmittag, ein Gespräch, eine Stunde mit halb erledigter Post. Was dir genommen werden kann, hat jedes Mal diese Form, ganz gleich, wie viel danach noch käme. Ein längeres Leben brächte dir mehr solcher Stunden, aber keine, die du auf andere Weise hättest.

Das klingt zunächst nach der Aufforderung, jede davon auszukosten. Die meisten Stunden lassen sich jedoch nicht auskosten. Sie sind zerstreut, müde oder mit Warten gefüllt. Trotzdem machen sie den größten Teil dessen aus, was du hast. Würdest du nur die besonderen zählen, wäre dein Leben sehr viel kürzer, als es ist.

Vielleicht verschiebt sich dadurch eher die Frage, was ein verlorener Tag ist. Nicht unbedingt einer, an dem nichts geschah. Eher einer, den du die ganze Zeit an einem anderen gemessen hast, der erst noch kommen sollte.

Am Abend liegt die Post noch immer auf dem Tisch.

Anna Atkins, Rhodomenia bifida, Cyanotypie
Rhodomenia bifida · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Rhodomenia bifida, Cyanotypie

Rhodomenia bifida · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae