28. September
Man sucht sich Rückzugsorte: Landhäuser, Strände, Berge — auch du pflegst dergleichen zu ersehnen. Doch das ist unphilosophisch, da es dir jederzeit freisteht, dich in dich selbst zurückzuziehen. Nirgends zieht sich der Mensch ruhiger und ungestörter zurück als in seine eigene Seele. Gewähre dir unablässig diesen Rückzug — und erneuere dich.
Selbstbetrachtungen IV,3
Hörmodus
Man sucht sich Rückzugsorte: Landhäuser, Strände, Berge — auch du pflegst dergleichen zu ersehnen. Doch das ist unphilosophisch, da es dir jederzeit freisteht, dich in dich selbst zurückzuziehen. Nirgends zieht sich der Mensch ruhiger und ungestörter zurück als in seine eigene Seele. Gewähre dir unablässig diesen Rückzug — und erneuere dich.
Eine Reise hat den Vorzug, dass sie sich erklären lässt. Du bist weg, das steht in der Abwesenheitsnotiz, und niemand erwartet in dieser Woche viel von dir. Die Entfernung nimmt dir etwas ab, das dir zu Hause schwerfällt: Sie erteilt dir die Erlaubnis.
Ein Rückzug, der nur in deiner Aufmerksamkeit stattfindet, hat keine solche Begründung. Du sitzt am selben Schreibtisch, bist erreichbar und siehst von außen beschäftigt aus. Wenn du zehn Minuten lang nicht auf das Nächste reagierst, merkt das niemand. Gerade deshalb musst du sie dir selbst zugestehen, und das ist oft schwieriger als jede Buchung.
Dazu kommt noch etwas anderes. Ein fremder Ort zeigt dir etwas Neues. Wenn du dich nach innen wendest, findest du zunächst nur, was ohnehin da war: den halbfertigen Gedanken, den Ärger vom Vormittag, die Frage, die du seit Tagen vor dir herschiebst. Ruhig ist es dort nicht von vornherein. Ungestört vielleicht schon, weil niemand zusieht, wie lange du brauchst.
Manchmal bleibst du trotzdem eine Weile, und der Ärger bleibt auch. Dann stehst du auf, und der Schreibtisch ist derselbe.