27. September
Der Geist muss täglich zur Rechenschaft gerufen werden. Sextius tat es: Am Ende des Tages fragte er sich — Welches deiner Übel hast du heute geheilt? Welchem Fehler widerstanden? Worin bist du besser geworden? Der Zorn wird milder, der weiß, dass er täglich vor den Richter muss. Und welch ein Schlaf folgt auf diese Musterung!
Vom Zorn III,36
Hörmodus
Der Geist muss täglich zur Rechenschaft gerufen werden. Sextius tat es: Am Ende des Tages fragte er sich — Welches deiner Übel hast du heute geheilt? Welchem Fehler widerstanden? Worin bist du besser geworden? Der Zorn wird milder, der weiß, dass er täglich vor den Richter muss. Und welch ein Schlaf folgt auf diese Musterung!
Ein schroffer Satz vom Nachmittag meldet sich, sobald das Licht aus ist. Du spielst die Szene noch einmal durch, dann noch einmal, und jedes Mal antwortet der andere ein wenig anders. Mal findest du dich im Recht, mal unmöglich. Nach einer Stunde bist du müde und doch nicht klüger.
Das sieht nach Gewissenhaftigkeit aus. Eher ist es ein Verfahren ohne Urteil. Du bist Ankläger und Verteidiger zugleich, und keiner von beiden darf das letzte Wort haben. Solange verhandelt wird, bleibt die Sache seltsam beweglich, als ließe sie sich durch genaueres Nachdenken noch ändern.
Ein Urteil verlangt etwas Unbequemeres: dass du anerkennst, dass der Satz gefallen ist und gefallen bleibt. Vielleicht war er ungerecht, vielleicht halb berechtigt und nur zu laut. Morgen kannst du dich entschuldigen oder es bleiben lassen. Mehr lässt sich in dieser Nacht nicht entscheiden.
Merkwürdig ist, wie schwer gerade dieser Abschluss fällt, auch wenn er milde ausfiele. Womöglich hält dich nicht die Schuld wach, sondern die Hoffnung, sie doch noch wegzudenken.