23. September
Ein Vorurteil ist eine Meinung ohne Urteil. Das Kind empfängt sie, ehe es prüfen kann, und der Erwachsene hält sie für sein Eigenstes — dabei hat er sie nur nie befragt. Prüfe, ehe du für wahr hältst, was dir früh zufiel.
Philosophisches Taschenwörterbuch, Vorurteile (frei übertragen)
Hörmodus
Ein Vorurteil ist eine Meinung ohne Urteil. Das Kind empfängt sie, ehe es prüfen kann, und der Erwachsene hält sie für sein Eigenstes — dabei hat er sie nur nie befragt. Prüfe, ehe du für wahr hältst, was dir früh zufiel.
Die Überzeugungen, über die du streitest, sind selten die ältesten. Für sie hast du Gründe gesammelt, du kennst die Einwände und hast sie schon einmal verteidigt. Was du sehr früh übernommen hast, liegt tiefer. Es tritt gar nicht als Meinung auf, eher als die Art, wie die Dinge eben sind: was als unhöflich gilt, wem du misstraust, worüber du nicht sprichst.
Bemerkbar wird es meist erst, wenn jemand es anders hält. Eine Kollegin nennt offen ihr Gehalt, ein Gast lässt sein Essen halb stehen, und in dir regt sich Unbehagen, bevor du einen Gedanken dazu hast. Dieses Unbehagen ist kein Argument. Aber es zeigt dir, wo etwas sitzt, das du nie befragt hast.
Schwierig ist, dass solche Annahmen oft an Menschen hängen. Sie zu prüfen, kann sich anfühlen, als würdest du die prüfen, von denen du sie hast. Manches hält stand. Dann glaubst du es weiterhin, nur nicht mehr auf dieselbe Weise. Anderes löst sich. An seiner Stelle steht zunächst keine bessere Gewissheit, nur das Unbehagen von vorhin, das jetzt keinen Grund mehr hat und trotzdem noch eine Weile bleibt.