22. September
Einer verachtet mich? Das ist seine Sache. Meine Sache: dass ich nichts tue und sage, was Verachtung verdient. Er hasst mich? Seine Sache. Ich bleibe wohlwollend gegen jeden — bereit, ihm seinen Irrtum zu zeigen: nicht schmähend, nicht als Vorführung meiner Geduld, sondern echt und gütig.
Selbstbetrachtungen XI,13
Hörmodus
Einer verachtet mich? Das ist seine Sache. Meine Sache: dass ich nichts tue und sage, was Verachtung verdient. Er hasst mich? Seine Sache. Ich bleibe wohlwollend gegen jeden — bereit, ihm seinen Irrtum zu zeigen: nicht schmähend, nicht als Vorführung meiner Geduld, sondern echt und gütig.
Wenn dich jemand erkennbar nicht leiden kann, wirst du in seiner Nähe oft besonders sorgfältig. Du formulierst genauer, grüßt etwas deutlicher und achtest darauf, dass dir kein Fehler unterläuft. Von außen sieht das nach Gelassenheit aus.
Doch diese Sorgfalt hat einen Adressaten. Sie soll zeigen, dass seine Abneigung unbegründet ist, und bleibt damit auf sein Urteil angewiesen. Selbst deine Freundlichkeit kann so zu einem Argument werden, zu einer stillen Widerlegung, die er gefälligst bemerken soll. Übersieht er sie oder deutet er sie als Berechnung, kränkt dich das womöglich mehr als die Abneigung selbst.
Beides lässt sich schwer trennen. Du willst dich nicht von ihm bestimmen lassen, und doch willst du ihm auch nicht recht geben. Ein Wohlwollen, das nichts beweisen soll, müsste auch dann bestehen bleiben, wenn er bei seiner Meinung bleibt und du nie erfährst, ob er sie je überdacht hat.
Vielleicht merkst du den Unterschied an einer Kleinigkeit: ob du ihm einen hilfreichen Hinweis geben würdest, wenn feststünde, dass er nie erfährt, von wem er stammt.