12. September
Die Welt, deren Urteil wir so fürchten, ist ein Saal voller Spiegel. Jeder wirft dir ein Bild zurück, und du läufst von einem zum andern, um zu erfahren, wer du bist. Wer so jagt, verliert das eigene Mass.
Der Menschenfeind (frei übertragen)
Die kurze Nase
Die Welt, deren Urteil wir so fürchten, ist ein Saal voller Spiegel. Jeder wirft dir ein Bild zurück, und du läufst von einem zum andern, um zu erfahren, wer du bist. Wer so jagt, verliert das eigene Mass.
Naigus Nase hing bis unter sein Kinn. Beim Essen musste ein Schüler sie mit einem Holz hochhalten. Der Priester suchte im Spiegel nach einem günstigeren Winkel; in fremden Gesichtern suchte er nach ähnlich langen Nasen.
Schließlich ließ er seine Nase in heißes Wasser tauchen und von einem Schüler mit den Füßen bearbeiten. Die Behandlung gelang. Über der Oberlippe saß nun eine gewöhnliche, kurze Nase.
Doch die Leute lachten heftiger als zuvor. Sogar der Schüler, der ihn behandelt hatte, brach mitten im Gespräch in Gelächter aus. Naigu wurde reizbar.
Eines Morgens erwachte er mit seiner alten Nase. Er trat auf die Veranda, fühlte, wie sie wieder bis unter das Kinn reichte, und war erleichtert. Jetzt, dachte er, würden die Leute bestimmt nicht mehr über ihn lachen.