8. September

Der Tyrann droht: Ich werde dich fesseln. — Meinen Fuß wirst du fesseln. — Ich werde dich enthaupten. — Wann hätte ich je behauptet, mein Kopf sei nicht abzuschlagen? Meinen Willen aber bezwingst du nicht.

Epiktet Unterredungen I,19 (frei übertragen)

Hörmodus

Der Tyrann droht: Ich werde dich fesseln. — Meinen Fuß wirst du fesseln. — Ich werde dich enthaupten. — Wann hätte ich je behauptet, mein Kopf sei nicht abzuschlagen? Meinen Willen aber bezwingst du nicht.

Epiktet

Wenn dich jemand zu etwas drängt, das du für falsch hältst, ist die Lage zunächst klar. Du tust es, weil dir kaum eine Wahl bleibt, und du weißt, dass du es nicht willst. Das ist unangenehm, aber übersichtlich.

Schwieriger wird es danach. Ein Zwang, den du als Zwang erkennst, ist schwer auszuhalten. Er erinnert dich bei jedem Gedanken daran, dass du nachgegeben hast. Also beginnst du, Gründe zu finden. Vielleicht war die Sache gar nicht so falsch. Vielleicht hättest du es ohnehin so gemacht. Nach einer Weile klingt dein Nachgeben wie eine eigene Entscheidung.

Gebrochen hat deinen Willen dabei niemand. Du hast ihn selbst umgestellt, um dir das Gefühl der Ohnmacht zu ersparen. Das ist verständlich, und manchmal stößt du dabei tatsächlich auf gute Gründe. Nur lässt sich hinterher kaum noch unterscheiden, welche du gefunden und welche du gebraucht hast.

Unbequemer ist der Satz: „Ich habe es getan, aber ich hielt es nicht für richtig.“ Er lässt die Niederlage stehen. In ihm gehört das Nein aber noch dir.

Anna Atkins, Vaucheria dichotoma, Cyanotypie
Vaucheria dichotoma · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Vaucheria dichotoma, Cyanotypie

Vaucheria dichotoma · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae