31. August

Das Schicksal fürchtet den Tapferen, den Feigen erdrückt es.

Seneca Medea, Vers 159

Hörmodus

Das Schicksal fürchtet den Tapferen, den Feigen erdrückt es.

Seneca

Eine schlechte Nachricht, die du noch nicht kennst, hat keine Ränder. Solange du den Anruf aufschiebst oder die Mail ungeöffnet lässt, kann sie alles sein. Sie wächst in jede Richtung, in die deine Befürchtung reicht, und nachts wächst sie besonders gut.

Wenn du sie dann liest, ist sie manchmal kleiner als gedacht. Oft aber nicht. Manches ist genau so schlimm, wie du befürchtet hast, und kein entschlossenes Hinsehen ändert daran etwas. Dass Mut vor Unglück schützt, wäre eine bequeme Behauptung.

Der Unterschied liegt woanders. Vorher lag die Sache auf dir, ohne dass du wusstest, wie schwer sie ist. Du konntest sie weder anheben noch absetzen. Nachher steht sie vor dir. Sie hat eine Größe, einen nächsten Schritt, vielleicht einen Menschen, den du anrufen kannst. Das Gewicht ist dasselbe geblieben, aber es hat jetzt eine Seite, an der du es greifen kannst.

Mutig fühlt sich das selten an. Meist ist es nur der Moment, in dem das Aufschieben anstrengender geworden ist als die Sache selbst. Erst später erzählst du ihn vielleicht anders.

Anna Atkins, Gelidium corneum vars., Cyanotypie
Gelidium corneum vars. · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Gelidium corneum vars., Cyanotypie

Gelidium corneum vars. · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae