15. August
Die Wahrheit ist das nackte Tageslicht, in dem die Masken und Kostüme der Welt nicht halb so prächtig wirken wie im Fackelschein.
Essays (frei übertragen)
Hörmodus
Die Wahrheit ist das nackte Tageslicht, in dem die Masken und Kostüme der Welt nicht halb so prächtig wirken wie im Fackelschein.
Eine Geschichte, die du oft erzählt hast, bekommt mit der Zeit eine Form. Die Pausen sitzen, die Pointe kommt an der richtigen Stelle, und ein Satz, den du damals nur gedacht hast, ist irgendwann einer geworden, den du gesagt hast. Bewusst gelogen hast du dabei nie. Die Geschichte hat sich nur dem angepasst, was beim Zuhören wirkt.
Dann ist einmal jemand dabei, der damals auch dort war. Er erinnert sich anders: Du hast länger gezögert, und den rettenden Einfall hatte eigentlich ein Dritter. Seine Fassung ist kleiner und umständlicher. Am Tisch lacht danach niemand mehr so wie vorher.
Unangenehm ist das trotzdem nur zum Teil. In der nüchternen Version stehst du weniger gut da, aber du kommst darin überhaupt erst vor: mit deinem Zögern, mit der Erleichterung, als dir jemand half. Die glänzende Fassung hatte für diesen Menschen keinen Platz, und für deine Unsicherheit auch nicht.
Ob du die Geschichte beim nächsten Mal anders erzählst, weißt du noch nicht. Den Namen des Dritten wirst du wohl erwähnen.