9. August
Nimm mich und wirf mich, wohin du willst: Ich behalte dort meinen Geist heiter — zufrieden, wenn er nur seiner eigenen Verfassung gemäß bleiben kann.
Selbstbetrachtungen VIII,45
Hörmodus
Nimm mich und wirf mich, wohin du willst: Ich behalte dort meinen Geist heiter — zufrieden, wenn er nur seiner eigenen Verfassung gemäß bleiben kann.
An einem neuen Ort zeigt sich schnell, was an dir bloß eingerichtet war. Der gewohnte Weg am Morgen, die Stunde, in der du sonst telefonierst, der Stuhl, auf dem du am besten denkst: Nach ein paar Wochen fehlt dir manches davon kaum noch. Anderes hält sich hartnäckig, ohne dass du es pflegst.
Es liegt nahe, dieses Hartnäckige für das Eigentliche zu halten. Doch nicht alles, was sich durchsetzt, verdient diesen Rang. Auch eine Ungeduld übersteht jeden Umzug, ebenso die Neigung, Fremden zuerst mit Vorsicht zu begegnen. Dass etwas beständig ist, sagt noch nicht, ob du dir treu bleibst oder nur deinen Gewohnheiten.
Schwieriger ist der umgekehrte Fall. Eine Umgebung verändert dich, und du kommst dir darin stimmiger vor als vorher: langsamer im Urteil, freier im Gespräch. Hast du dich dann verloren oder erst gefunden? Von innen lässt sich das kaum entscheiden, und andere, die dich von früher kennen, sehen vor allem die Abweichung.
Manchmal merkst du es erst, wenn du zurückkehrst und dir der alte Stuhl fremd vorkommt.