8. August
Ich wohne direkt über einem Badehaus: Stimmen aller Art — Stöhnen der Hantelschwinger, Klatschen des Masseurs, Gebrüll der Streithähne, Platschen der Springer. Doch ich schwöre dir: Der Lärm draußen schadet nicht, wenn drinnen Ruhe ist. Alles kann tosen, solange in der Brust kein Aufruhr wohnt.
Briefe an Lucilius, 56. Brief (frei übertragen)
Hörmodus
Ich wohne direkt über einem Badehaus: Stimmen aller Art — Stöhnen der Hantelschwinger, Klatschen des Masseurs, Gebrüll der Streithähne, Platschen der Springer. Doch ich schwöre dir: Der Lärm draußen schadet nicht, wenn drinnen Ruhe ist. Alles kann tosen, solange in der Brust kein Aufruhr wohnt.
Manchmal ist ein Störgeräusch auch eine Erleichterung. Solange nebenan gebohrt wird, hat deine Zerstreutheit einen Grund, der außerhalb von dir liegt. Du kannst dich darüber ärgern, und dieser Ärger ist eindeutig. Er hat eine Richtung.
Dann hört das Bohren auf. Einige Minuten lang ist es angenehm still, und du wartest darauf, dass die Arbeit nun von selbst in Gang kommt. Stattdessen merkst du, dass du denselben Absatz zum dritten Mal liest. Etwas anderes beschäftigt dich, vielleicht schon seit dem Morgen, und das Geräusch hatte ihm nur einen bequemeren Namen gegeben.
Das heißt nicht, dass Lärm gleichgültig wäre. Manches Geräusch zermürbt tatsächlich, und es wäre seltsam, daraus eine Frage der Charakterstärke zu machen. Schwierig ist eher, dass du von innen kaum unterscheiden kannst, was dich stört und was dir nur gelegen kommt. Beides fühlt sich im Moment gleich an: wie etwas, das von draußen kommt.
Nach der Mittagspause setzt das Bohren wieder ein. Für einen Augenblick bist du fast froh darüber.