3. August
Grabe in dir. In dir ist die Quelle des Guten — und sie kann immer wieder sprudeln, wenn du immer wieder gräbst.
Selbstbetrachtungen VII,59
Hörmodus
Grabe in dir. In dir ist die Quelle des Guten — und sie kann immer wieder sprudeln, wenn du immer wieder gräbst.
Manchmal hältst du dich für geduldig, weil du es gestern warst. Jemand hat dir dreimal dieselbe Frage gestellt, und du hast dreimal freundlich geantwortet. Danach fühlte es sich an wie eine Eigenschaft, die du nun hast.
Am nächsten Abend kommt eine ähnliche Frage, und deine Antwort fällt knapp aus. Dein Gegenüber ist nicht anders als gestern. Nur die Freundlichkeit ist nicht mitgekommen.
Das ist unangenehm, weil es dein Bild von dir in Frage stellt. Was du für einen festen Besitz gehalten hast, musste offenbar jedes Mal neu aufgebracht werden. Und gestern hast du es bloß nicht gemerkt, weil es leichtfiel. Etwas Gutes, das dir gelungen ist, lässt sich nicht für später zurücklegen.
Dieselbe Einsicht gilt aber auch umgekehrt. Wenn dich das Gestern nicht verbürgt, legt dich das knappe Heute ebenso wenig fest. Du musst niemandem beweisen, dass du eigentlich geduldig bist. Du kannst nur beim nächsten Satz noch einmal nachsehen, ob die Freundlichkeit sich finden lässt, unter der Müdigkeit und unter dem Ärger über dich selbst.
Manchmal findest du sie erst, nachdem du dich entschuldigt hast.