31. Juli
Erdulde die Gegenwart des Schmerzes, und du wirst sehen: Er hat ein Maß. Unerträglich macht ihn erst der Gedanke, er sei maßlos.
Briefe an Lucilius, 78. Brief (frei übertragen)
Hörmodus
Erdulde die Gegenwart des Schmerzes, und du wirst sehen: Er hat ein Maß. Unerträglich macht ihn erst der Gedanke, er sei maßlos.
Nachts um zwanzig vor vier beginnst du zu rechnen. Wenn du jetzt einschläfst, bleiben dir knapp drei Stunden. Wenn nicht, wird der Vormittag zäh, die Besprechung um zehn erst recht. Mit jeder Rechnung schläfst du schwerer ein, und die Müdigkeit, die gerade durchaus auszuhalten wäre, bekommt das Gewicht eines Tages, der noch gar nicht begonnen hat.
Die Rechnung ist nicht falsch. Der Vormittag wird tatsächlich zäh. Aber sie fasst etwas zusammen, das nie auf einmal zu dir kommt. Die Besprechung erlebst du nicht um vier Uhr nachts, sondern um zehn, mit Kaffee, mit Pausen, mit Augenblicken, in denen du die Müdigkeit vergisst. Die Summe dagegen liegt jetzt vollständig auf dir.
Bei schwereren Dingen wird das heikel. Manches hört nicht bald auf, und der Rat, nur den jeweiligen Moment zu nehmen, unterschätzt leicht, wie lang die Reihe sein kann. Trotzdem bleibt ein Unterschied zwischen dem, was dauert, und dem, was du gerade trägst.
Um zwölf nach vier schaust du wieder auf die Uhr. Geschlafen hast du nicht. Die halbe Stunde ist trotzdem vergangen, Minute für Minute, und keine davon musstest du im Voraus aufbringen.