22. Juli
Übe dich auch in dem, woran du verzweifelst. Auch die linke Hand, sonst in allem ungeübt, hält den Zügel kräftiger als die rechte — denn darin ist sie geübt.
Selbstbetrachtungen XII,6
Hörmodus
Übe dich auch in dem, woran du verzweifelst. Auch die linke Hand, sonst in allem ungeübt, hält den Zügel kräftiger als die rechte — denn darin ist sie geübt.
„Das kann ich nicht“ klingt wie eine Feststellung. Meist stecken darin zwei Aussagen, die sich von innen kaum unterscheiden lassen: Du hast es nicht gelernt, oder es liegt dir nicht. Die erste beschreibt einen Zustand, die zweite eine Grenze.
Den Unterschied könntest du nur durch Übung herausfinden. Gerade die gibst du aber auf, sobald dir die zweite Lesart einleuchtet. So bestätigt sich das Urteil selbst. Es bleibt lange gültig, weil niemand es prüft.
Dabei meinst du Unbegabtheit oft sehr breit, und Können entsteht sehr schmal. Vielleicht hältst du dich für schlecht mit Zahlen und teilst trotzdem mühelos im Kopf eine Rechnung unter mehreren auf, weil du es oft getan hast. Die Fähigkeit hält sich nicht an die Grenzen, die du für sie gezogen hast. Sie wächst an einer einzelnen Stelle, zu der du immer wieder zurückkehrst.
Leichter wird es dadurch nicht. Übung ohne Hoffnung fühlt sich wie Trotz an oder wie verschwendete Zeit, und in den ersten Wochen lässt sie sich von beidem nicht unterscheiden.
Manches wird dir auch danach nicht liegen. Nur weißt du es dann aus einem anderen Grund.