19. Juli

Lebte der Mensch fort und fort und verginge nie wie der Tau am Morgen — wie sollte da noch etwas rühren? Gerade dass nichts bleibt, macht die Welt so schön.

Yoshida Kenko Betrachtungen aus der Stille (frei übertragen)

Hörmodus

Lebte der Mensch fort und fort und verginge nie wie der Tau am Morgen — wie sollte da noch etwas rühren? Gerade dass nichts bleibt, macht die Welt so schön.

Yoshida Kenko

Manches, das dich rührt, möchtest du sofort behalten. Ein Satz, den jemand beiläufig sagt, eine bestimmte Art zu lachen, die Stimmung eines Abends, an dem niemand auf die Uhr schaut. Der Wunsch kommt fast gleichzeitig mit der Rührung, als gehörten beide zusammen.

Was du tatsächlich behalten kannst, verhält sich aber anders. Eine Sprachnachricht lässt sich beliebig oft abspielen. Gerade deshalb hörst du sie vielleicht selten, sie ist ja da. Gewicht bekommt sie erst, wenn keine neue mehr kommen kann. Dann aber nicht, weil sie bleibt, sondern weil das, wovon sie stammt, nicht geblieben ist.

So steckt in der Rührung ein Wunsch, der sie auflösen würde, wenn er sich erfüllte. Du willst festhalten, was dich nur deshalb berührt, weil es sich nicht festhalten lässt. Das ist kein Denkfehler, den du korrigieren könntest. Ohne dieses Greifen wäre dir der Abend womöglich gleichgültig gewesen.

Wenn du dieses Lachen wieder hörst, ist es schon vorbei, bevor dir einfällt, dass du es dir merken wolltest.

Anna Atkins, Dichloria viridis, Cyanotypie
Dichloria viridis · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Dichloria viridis, Cyanotypie

Dichloria viridis · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae