15. Juli
Zufriedenheit mit dem, was beschieden ist, ist das höchste Tor. Wer im Gegebenen den Geber erkennt, dem wird selbst das Bittere süß.
Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften (frei übertragen)
Hörmodus
Zufriedenheit mit dem, was beschieden ist, ist das höchste Tor. Wer im Gegebenen den Geber erkennt, dem wird selbst das Bittere süß.
Ein Geschenk, das dir nicht gefällt, legst du selten gleich weg. Der Schal hat eine Farbe, die du nie gewählt hättest, und trotzdem ziehst du ihn an, wenn ihr euch trefft. Schöner ist er dadurch nicht geworden. Aber er kommt von jemandem, der beim Aussuchen an dich gedacht hat, und das wiegt in diesem Moment mehr als dein Geschmack.
Schwieriger wird es bei dem, was niemand erkennbar ausgesucht hat: eine Absage, eine Diagnose, ein Umzug, den du nicht wolltest. Hier fehlt das Gesicht, dem zuliebe du etwas annehmen könntest. Dir bleibt nur die Frage, ob die Sache dich trotzdem meint – ob sie an dich gerichtet ist oder bloß auf dich gefallen.
Diese Frage hat zwei Seiten. Wenn du alles für gemeint hältst, verlernst du leicht den Einspruch, auch dort, wo sich etwas ändern ließe. Wenn du nichts für gemeint hältst, bleibst du mit deinem Unglück allein wie mit einem Brief, der an die falsche Adresse ging.
Den Schal trägst du inzwischen auch an Tagen, an denen ihr euch nicht seht. Wann das angefangen hat, kannst du nicht genau sagen.