13. Juli
Mir geschieht nichts wider Erwarten — nicht weil ich alles vorhersähe, sondern weil ich dem Schicksal sein Recht eingeräumt habe.
Briefe an Lucilius, 71. Brief (frei übertragen)
Hörmodus
Mir geschieht nichts wider Erwarten — nicht weil ich alles vorhersähe, sondern weil ich dem Schicksal sein Recht eingeräumt habe.
Wenn etwas schiefgeht, sagst du manchmal als Erstes: „Das kann doch nicht sein.“ Dabei ist es offensichtlich geschehen. Der Satz drückt weniger eine Überraschung aus als einen Einspruch. Irgendwo in dir galt eine stille Vereinbarung, nach der dein Tag, dein Körper und die Menschen um dich herum bestimmte Grenzen nicht überschreiten.
Überrascht zu werden und sich übergangen zu fühlen ist zweierlei. Das eine betrifft dein Wissen, und niemand weiß genug, um nie überrascht zu werden. Das andere betrifft einen Anspruch, den du nie ausgesprochen hast und den du erst bemerkst, wenn er verletzt wird.
Diesen Anspruch aufzugeben klingt vernünftig, hat aber einen Preis. Manche Empörung ist auch eine Form von Anhänglichkeit. Wer bei der Nachricht von einer Krankheit „Nicht er!“ sagt, verteidigt keinen Plan, sondern einen Menschen, den er nicht verlieren will. Ein Gleichmut, der diesen Satz gar nicht mehr kennt, wäre vielleicht ruhiger, aber auch ärmer.
Du wirst den Satz vermutlich trotzdem sagen. Nur ist er dann eher ein Name als ein Einwand.