12. Juli
Der Mensch ist das Mass aller Dinge, heisst es. Doch bedenke: Dann ist auch dein Urteil nur ein Mass — deines, nicht das der Sache selbst. Prüfe, wer da misst, ehe du dem Mass vertraust.
Theaitetos (frei übertragen)
Hörmodus
Der Mensch ist das Mass aller Dinge, heisst es. Doch bedenke: Dann ist auch dein Urteil nur ein Mass — deines, nicht das der Sache selbst. Prüfe, wer da misst, ehe du dem Mass vertraust.
Manche Urteile erkennst du an einem kleinen Wort. Ein Film ist zu lang, eine Wohnung zu dunkel, eine Antwort zu knapp. Das „zu“ klingt, als gehöre es zur Sache. Es verweist aber auf eine Grenze, die woanders gezogen wurde: in deiner Geduld, in den Räumen, an die du gewöhnt bist, in dem, was du an diesem Tag gebraucht hättest.
Falsch wird dein Urteil dadurch nicht. Ohne solche Grenzen könntest du nichts wählen. Wer in einer engen Wohnung aufgewachsen ist, findet ein Zimmer vielleicht großzügig, das dir beengt vorkommt. Keiner von euch irrt sich über die eigene Erfahrung.
Schwierig wird es, wenn du herausfinden willst, woher deine Grenze kommt. Auch diese Prüfung nimmst du selbst vor, mit derselben Geduld und denselben Gewohnheiten. Einen Platz außerhalb davon gibt es nicht. Du kannst höchstens die Stellen bemerken, an denen jemand dieselbe Sache anders erlebt, und dort nicht gleich entscheiden, wer recht hat.
Die Antwort war knapp. Ob sie zu knapp war, hängt auch davon ab, was du eigentlich hören wolltest.