3. Juli
Nicht der, der dich schmäht oder schlägt, misshandelt dich — sondern deine Meinung, dass er dich misshandle. Wenn dich einer reizt, wisse: Deine eigene Auffassung hat dich gereizt. Darum lass dich vor allem nicht von der Vorstellung fortreißen — gewinnst du Zeit und Aufschub, wirst du leichter Herr über dich.
Handbüchlein der Moral, 20
Hörmodus
Nicht der, der dich schmäht oder schlägt, misshandelt dich — sondern deine Meinung, dass er dich misshandle. Wenn dich einer reizt, wisse: Deine eigene Auffassung hat dich gereizt. Darum lass dich vor allem nicht von der Vorstellung fortreißen — gewinnst du Zeit und Aufschub, wirst du leichter Herr über dich.
Auf eine lange, sorgfältige Nachricht kommt eine Antwort aus zwei Wörtern. Noch bevor du sie ganz gelesen hast, steht in dir schon ein dritter Satz, den niemand geschrieben hat: dass dir jemand zeigen will, wie wenig ihm an dir liegt.
Dieser Satz ist schnell, und er fühlt sich nicht wie eine Deutung an, sondern wie Wahrnehmung. Gerade darin liegt seine Kraft. Was du hinzugefügt hast, verschmilzt mit dem, was dasteht, und die Kränkung scheint vom Bildschirm zu kommen.
Wenn du die Antwort am nächsten Morgen noch einmal liest, kann sie anders aussehen: knapp, müde, vielleicht zwischen zwei Terminen getippt. Sie kann aber auch genauso kühl bleiben. Der Aufschub entscheidet nicht darüber, ob dir Unrecht geschehen ist. Er trennt nur, was der andere getan hat, von dem, was du in derselben Sekunde über dich selbst geglaubt hast.
Das Zweite war oft das Schmerzhaftere. Und es stand schon bereit, bevor die Nachricht kam.
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