29. Juni

Wenn einer gegen dich fehlt, frage dich sogleich: Welche Vorstellung vom Guten und Bösen hat ihn dazu gebracht? Hast du das erkannt, wirst du Mitleid empfinden, nicht Staunen und nicht Zorn — denn auch du hattest einst ähnliche Vorstellungen.

Marc Aurel Selbstbetrachtungen VII,26

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Wenn einer gegen dich fehlt, frage dich sogleich: Welche Vorstellung vom Guten und Bösen hat ihn dazu gebracht? Hast du das erkannt, wirst du Mitleid empfinden, nicht Staunen und nicht Zorn — denn auch du hattest einst ähnliche Vorstellungen.

Marc Aurel

Wenn dich jemand gekränkt hat, liegt meist eine Erklärung nahe, die dich selbst schont: Er war rücksichtslos, bequem, gedankenlos. Schwieriger wird es, wenn du fragst, wofür er es eigentlich getan hat. Manchmal stößt du dann auf einen Grund, der gar nicht schäbig ist. Er wollte ehrlich sein, als er dir das sagte. Oder er wollte jemand anderen schützen, als er dich überging.

Solche Gründe lassen sich nicht so leicht von oben betrachten. Mit einem Irrtum, den du längst hinter dir hast, kannst du nachsichtig sein. Du erkennst darin eine frühere Fassung von dir. Hier aber hat dein Gegenüber vielleicht nur anders gewichtet, was dir ebenfalls wichtig ist. Hättest du an seiner Stelle Offenheit über Schonung gestellt? Möglicherweise ja, an einem anderen Tag.

Damit wird die Kränkung nicht kleiner. Sie hat bloß keinen eindeutig Schuldigen mehr. Du kannst ihm noch immer sagen, dass es dir wehgetan hat, und solltest es vielleicht auch. Nur sagst du es dann nicht mehr als jemand, der es besser weiß.

Anna Atkins, Chondrus membranifolius, Cyanotypie
Chondrus membranifolius · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Chondrus membranifolius, Cyanotypie

Chondrus membranifolius · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae