14. Juni
Ruhe ohne jedes Wirken ist ein Grab bei lebendigem Leib.
Briefe an Lucilius, 55. Brief (frei übertragen)
Hörmodus
Ruhe ohne jedes Wirken ist ein Grab bei lebendigem Leib.
Ein freier Tag fühlt sich anders an, wenn am nächsten Morgen etwas auf dich wartet. Die Stunden haben dann einen Rand. Du weißt, wovon du dich ausruhst, und gerade das macht das Nichtstun leicht.
Fehlt dieser Rand über längere Zeit, verändert sich die Ruhe, ohne dass du es gleich bemerkst. Du schläfst länger, aber nicht, weil du müde bist. Du verschiebst eine Kleinigkeit auf morgen, und morgen ist kaum von heute zu unterscheiden. Von außen sieht das aus wie Erholung. Von innen fehlt etwas, das sich schwer benennen lässt: Was du tust oder lässt, macht kaum noch einen Unterschied.
Mehr Beschäftigung hilft dagegen wenig. Sie kann diesen Mangel auch bloß übertönen. Eher fehlt etwas, das auf dich antwortet: eine Arbeit, die Widerstand leistet, ein Mensch, der mit deinem Anruf rechnet. Seltsamerweise genügt dafür oft wenig.
Dann wird ein Nachmittag, an dem du nichts tust, wieder zu etwas, das du dir nimmst, und nicht zu etwas, das dir einfach passiert.