12. Juni
Zorn und Begehren sind wie Reittiere: Gezähmt tragen sie dich weit, ungezähmt werfen sie dich ab. Nicht sie abzuschaffen ist die Kunst, sondern sie zu lenken — Herr ist das Herz.
Das Elixier der Glückseligkeit (frei übertragen)
Hörmodus
Zorn und Begehren sind wie Reittiere: Gezähmt tragen sie dich weit, ungezähmt werfen sie dich ab. Nicht sie abzuschaffen ist die Kunst, sondern sie zu lenken — Herr ist das Herz.
Manchmal merkst du erst am Abend, dass du dich geärgert hast. Ein Satz aus einer Besprechung kehrt zurück, und mit ihm die Antwort, die du nicht gegeben hast. Im Moment selbst bist du sachlich geblieben. Das war vermutlich klug. Trotzdem ist etwas liegen geblieben, das noch Kraft hat und nicht weiß, wohin.
Ein heftiges Gefühl hat zwei Seiten, die sich leicht verwechseln lassen: seine Richtung und seine Stärke. Der Zorn zeigt fast immer auf die Person, die gerade vor dir steht. Seine Stärke könnte aber auch anderswo hin: in eine Frage, die du am nächsten Tag stellst, oder in eine Grenze, die du künftig früher ziehst. Wenn du nur die Richtung fürchtest, dämpfst du oft beides zugleich.
Schwierig ist, dass du die Richtung selten im Voraus kennst. Häufig zeigt dir erst der Ärger, dass dir an einer Sache mehr liegt, als du angenommen hattest. Lenken kannst du ihn erst, wenn du ihn gespürt hast, und dann ist er schon in Bewegung.
Am nächsten Morgen fällt dir die Antwort wieder ein. Sie ist kürzer geworden.