5. Juni
Am Morgen sage dir im Voraus: Ich werde Neugierigen begegnen, Undankbaren, Anmaßenden, Neidern, Ungeselligen. All das widerfährt ihnen aus Unkenntnis des Guten. Ich aber kann von keinem geschädigt werden — und zürnen kann ich dem Verwandten nicht: Wir sind zur Zusammenarbeit geboren wie Füße, Hände und Augenlider.
Selbstbetrachtungen II,1
Hörmodus
Am Morgen sage dir im Voraus: Ich werde Neugierigen begegnen, Undankbaren, Anmaßenden, Neidern, Ungeselligen. All das widerfährt ihnen aus Unkenntnis des Guten. Ich aber kann von keinem geschädigt werden — und zürnen kann ich dem Verwandten nicht: Wir sind zur Zusammenarbeit geboren wie Füße, Hände und Augenlider.
Wer sich auf Ärger vorbereitet, wird seltener von ihm überrumpelt. Wenn du schon weißt, dass in einer Besprechung jemand dazwischenreden wird, trifft dich die Unterbrechung weniger. Sie bestätigt nur, womit du gerechnet hast. Das kann eine Erleichterung sein.
Doch Erwartungen schützen nicht nur, sie sortieren auch vor. Wer einmal als schwierig gilt, dem hörst du anders zu. Ein knapper Satz klingt dann nach Herablassung, eine Nachfrage nach Misstrauen. Was nicht zu diesem Bild passt, bemerkst du kaum.
Der Unterschied liegt vielleicht darin, worauf du dich einstellst. Du kannst dich auf ein Verhalten vorbereiten, ohne schon über den Menschen entschieden zu haben. Das eine macht dich ruhiger. Das andere macht dich bloß unbeteiligt, und Unbeteiligtsein sieht der Gelassenheit zum Verwechseln ähnlich. Es kränkt dich nichts mehr, aber du erwartest auch nichts mehr. Mit dieser Haltung lässt sich schlecht zusammenarbeiten, selbst wenn alle höflich bleiben.
Und manchmal redet an diesem Tag niemand dazwischen. Das merkst du erst spät, weil du die ganze Zeit darauf gewartet hast.