4. Juni
Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Doch wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt — wann?
Sprüche der Väter (Pirkei Avot) (frei übertragen)
Hörmodus
Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Doch wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt — wann?
Für dich einzustehen und für andere da zu sein, lässt sich erstaunlich gut gegeneinander verrechnen. Du willst um Zeit für eine eigene Arbeit bitten, aber nicht jetzt, wo alle ohnehin knapp besetzt sind. Einer Freundin willst du bei ihrem Umzug helfen, aber erst, wenn deine eigene Woche wieder überschaubar ist. Beide Gründe sind anständig. Keiner davon ist gelogen.
Schwierig wird es, weil sie sich gegenseitig stützen. Die Rücksicht auf andere entschuldigt, dass du dich selbst vertagst. Die Sorge um dich entschuldigt, dass du andere vertagst. So entsteht ein Gleichgewicht, das von außen wie Besonnenheit aussieht. Du wägst ab, niemand kommt zu kurz – nur geschieht auf beiden Seiten wenig.
Die Abwägung selbst ist nicht falsch. Es gibt Wochen, in denen wirklich nur eines geht. Eine Rechnung, die immer aufgeht, bleibt trotzdem merkwürdig. Vielleicht geht sie nur deshalb auf, weil darin nie etwas bezahlt wird.
Die Freundin hat inzwischen einen Termin für den Umzug. Er liegt in einer Woche, die noch nicht überschaubar ist.