1. Juni
Bei jeder Lust: Warte. Halte dir beide Zeiten vor Augen — die, in der du sie genießen wirst, und die, in der du sie danach bereust und dich selbst schiltst. Und dagegen: wie du dich freuen und loben wirst, wenn du dich enthalten hast.
Handbüchlein der Moral, 34
Hörmodus
Bei jeder Lust: Warte. Halte dir beide Zeiten vor Augen — die, in der du sie genießen wirst, und die, in der du sie danach bereust und dich selbst schiltst. Und dagegen: wie du dich freuen und loben wirst, wenn du dich enthalten hast.
Über manche Entscheidungen urteilst du zweimal, einmal vorher und einmal danach. Der Moment dazwischen kommt dabei selten zu Wort. Vorher spricht der Wunsch, laut und gegenwärtig. Danach spricht jemand, der ihn nicht mehr spürt und deshalb leicht streng sein kann.
Dieser spätere Richter ist nicht unbedingt klüger. Er kennt das Ergebnis, aber den Druck spürt er nicht mehr. Wenn er dich schilt, tut er so, als hättest du ebenso gelassen wählen können, wie er jetzt urteilt. Auch sein Lob ist nicht ganz unverdächtig. Sich für einen Verzicht selbst anzuerkennen, kann ein eigener, recht süßer Genuss werden.
Trotzdem lohnt es sich, ihn vorher anzuhören. Recht hat er nicht immer. Aber während du wartest, sind beide zugleich da: der Wunsch, der sich noch warm anfühlt, und die Erinnerung an frühere Abende, an denen er sich genauso warm angefühlt hat. Für einen Augenblick bist du nicht ganz auf einer Seite der Zeit.
Manchmal entscheidest du danach genauso wie ohne das Warten. Nur kann dir der Spätere dann nicht mehr vorwerfen, du hättest ihn nicht gefragt.