27. Mai

Nie genießt du die Welt recht, bis das Meer selbst in deinen Adern strömt und du den Himmel trägst wie ein Gewand.

Thomas Traherne Jahrhunderte der Meditationen (frei übertragen)

Hörmodus

Nie genießt du die Welt recht, bis das Meer selbst in deinen Adern strömt und du den Himmel trägst wie ein Gewand.

Thomas Traherne

Wenn ein Kirschbaum vom Nachbargrundstück über die Mauer wächst, blüht er im Frühjahr zur Hälfte in deinen Hof. Du musst nichts dafür tun: nicht schneiden, nicht gießen, keine Leiter holen. Gut möglich, dass du dich unbeschwerter an ihm freust als der Besitzer, der ihn vor allem als Arbeit kennt.

Die Freude an Dingen, die dir nicht gehören, hat allerdings eine eigentümliche Schwäche. Du kannst nichts für sie entscheiden. Kommt eines Tages jemand mit der Säge, darfst du nicht widersprechen. Dir bleibt nur ein Verlust, den außer dir niemand für deinen hält.

Besitz macht aber selten aufmerksamer. Was dir sicher ist, siehst du seltener an. So gibt es zwei Arten, an der Welt teilzuhaben, und beiden fehlt etwas: Der einen gehört sie, und sie bemerkt sie kaum noch. Die andere bemerkt sie und hat keinen Anspruch auf sie.

Vielleicht erzählst du dem Nachbarn irgendwann davon, eher beiläufig, über die Mauer hinweg. Er hatte nicht gewusst, dass der Baum auch für dich blüht.

Anna Atkins, Corallina elongata, Cyanotypie
Corallina elongata · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Corallina elongata, Cyanotypie

Corallina elongata · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae