22. Mai

Überall und beständig steht es bei dir, das gegenwärtige Ereignis fromm zu begrüßen.

Marc Aurel Selbstbetrachtungen VII,54 (frei übertragen)

Hörmodus

Überall und beständig steht es bei dir, das gegenwärtige Ereignis fromm zu begrüßen.

Marc Aurel

Eine Begrüßung kommt vor dem Urteil. Wenn jemand vor deiner Tür steht, sagst du „Guten Tag“, bevor du weißt, ob er etwas verkaufen will oder eine schlechte Nachricht bringt. Damit erkennst du zunächst nur an, dass er da ist.

Mit Ereignissen gehst du meist umgekehrt um. Kaum ist etwas geschehen, hast du es schon eingeordnet: als Störung, als Glück, als genau das, was dir noch gefehlt hat. Das Urteil kommt so schnell, dass es sich wie Wahrnehmung anfühlt. Dabei weißt du in diesem Moment wenig. Das Ereignis hat gerade erst begonnen.

Schwierig wird es dort, wo Anerkennung wie Zustimmung aussieht. Wenn du bei einem Verlust anerkennst, dass er eingetreten ist, kann das klingen, als hättest du dich bereits damit abgefunden. Doch du kannst etwas begrüßen und es trotzdem nicht wollen. Du kannst ihm sogar widersprechen, nur eben ihm selbst und nicht dem Bild, das du dir in der ersten Sekunde von ihm gemacht hast.

Manches bleibt auch nach Wochen unwillkommen. Inzwischen weißt du aber, wer da eigentlich geklingelt hat.

Anna Atkins, Ceramium rubrum, var., Cyanotypie
Ceramium rubrum, var. · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Ceramium rubrum, var., Cyanotypie

Ceramium rubrum, var. · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae